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Die Mai-Verbrechen und die Demokratie der Massaker | Teil 1: Landkarte der Gewalt in Brasilien

25/10/2012

Neue Zahlen der UNO bestätigen, dass Brasilien die weltweit höchste Mordrate hat. Dies bezeugen Ergebnisse einer Untersuchung des Justizministeriums: zwischen 1998 und 2008 wurden über 520 000 Personen in Brasilien ermordet.

Verfasst von der Gruppe „Mutter des Mai“

 “Für die jene, die im Krieg leben, war der Frieden noch nie Realität!”
(Rap-Gruppe Racionais MCs)

Weltmeister der Mordrate
Brasilien gewinnt momentan nicht nur Preise und Medaillen für seine Leistungen in Sportwettbewerben und Weltmeisterschaften, oder  etwa Ehrungen oder für seine Wirtschaftskraft.
Als wir im Oktober 2011 gebeten wurden, diesen Text zu verfassen, [1] bekam das Land erneut den Titel verliehen: „Weltmeister der Mordrate“.
Die “Globale Study on Homicide  – 2011”, die vom „Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung der Vereinten Nationen“ (UNODC) verfasst wurde, bestätigt, dass unter den  207 untersuchten Nationen Brasilien das Land mit der allergrößten Mordrate ist. Allein im Jahr 2009 wurden 43.000 Personen in Brasilien umgebracht. Diese hohe Mordrate besteht trotz des großen Bestrebung, die – wie in mehreren Bundesländern (Rio de Janeiro und São Paulo) beobachtet – darin besteht, die Mordstatistiken zu schönen, indem man Morde einfach als „Todesfällle aus unbekannten Gründen“ etikettiert.

Ein paar Zahlen und Größenverhältnisse: obwohl Brasilien die Nation mit der fünftengrößten Einwohnerzahl der Welt ist und trotz aller Bestrebungen, die Fakten zu kaschieren, hat sich das Land erneut mit der höchsten Mordrate hervorgetan.

Dem Bericht zufolge war zwar Indien mit 40.752 Morden im Jahr 2009 das Land mit der höchsten Jahresmordrate, doch ist seine sechsmal höhere Einwohnerzahl schließlich ungleich größer als die Brasiliens. Chinas Mordrate hingegen ( 2008: 14.8111 Morde) liegt bei einem Drittel jener Indiens. China ist aber das dichtbesiedeltste Land der Welt und hat circa sieben mal mehr Einwohner als Brasilien. Und Brasiliens Mordstatistik ist dabei 21mal höher als die Chinas.

Im Ranking aller 207 untersuchten Länder steht die groß gefeierte Wirtschaftsmacht Brasilien (heute beinahe die fünftgrößte) mit einem Durchschnitt von 22,7 Personen Ermordeter pro 100.000 Einwohner auf einem wenig ehrenhaften Platz in der 184. Stelle oben. Zum Vergleich: Die schlechteste weltweite Position besetzt Honduras mit jährlich 82,1 Morden pro Jahr/100.000 Einwohner, gefolgt von El Salvador mit 66 Morden und von der Elfenbeinküste mit 57 Morden. Aber: fast alle Länder, die vor Brasilien im negativen Ranking stehen, befinden sich mehr oder weniger im Kriegszustand.

Die Landkarte der Gewalt in Brasilien

Diese Daten, die neulich von der UNO erhoben, in Brasilien aber kaum öffentlich diskutiert wurden, bestätigen ein Szenario, worüber Experten und Organisationen bereits geklagt hatten und das Anfang des Jahres von der brasilianischen Regierung „mit leiser Stimme“ zugegeben wurde. Zwischen 1998 und 2008 wurden mehr als 520.000 Menschen in Brasilien ermordet. Das ergibt ein Durchschnitt von 47.360 Morden pro Jahr!  Diese Informationen über die Gesamtlage tödlicher Gewalt in Brasilien sind in der Publikation “Karte der Gewalt 2011”, eine Untersuchung des Justizministeriums im gesamten brasilianischen Territorium, von Prof. Julio Jacobo Waiselfisz (Hrsg.)”, am 25.02.2011 vom brasilianischen Justiz Ministerium veröffentlicht.

Klassengewalt und Rassismus

Von zentraler Bedeutung ist die Grundcharakteristik des Problems: es handelt sich hier um Klassengewalt mit rassistischem Charakter und richtet sich gegen die junge schwarze und arme Bevölkerung: zwei von drei Menschen, die zwischen 1998 und 2008 ermordet wurden, waren schwarz, männlich, und zwischen 15 und 24 Jahren alt.

Um dieses Phänomen zu benennen, haben wir die Bezeichnung gewählt, die uns aus den sozialen Bewegungen bekannt ist: Genozid gegen die junge arme Bevölkerung. Dabei geht es uns nicht darum, eine agitatorische Kampfflagge zu erheben, sondern vielmehr darum, eine Bestandsaufnahme der Realität zur Sprache zu bringen. Wie die bereits genannte Studie zeigt, starben in Brasilien im Jahr 2008 103% mehr Schwarze als Weiße, und schon 1998 waren Schwarze in der Mehrzahl unter den Todesopfern – es starben damals 20% mehr Schwarze als Weiße.

Diese Zahlen zeigen, dass die Gewaltsituation in Brasilien permanent rassistisch geprägt ist. Die Mordraten bestätigen den Trend, der bedeutet, daß die Anzahl der Morde gegen Weiße statistisch sinkt, die Anzahl der Morde gegen Schwarzen hingegen weiter steigt. Zwischen 2005 und 2008 gab es eine Minderung von 22,7% der Morde gegen Weiße und eine Steigerung von 12,1% der Morde gegen Schwarze.

Die Demokratie de Massaker

Dieses katastrophale Gewaltszenario der letzten zehn Jahre ist leider kein außerordentliches Phänomen wie etwa der Rauch eines temporären Konflikts. Es ist auch kein Ausnahmezustand im Rahmen einer vermeintlichen historisch vorgegebenen Normalität. Ganz im Gegenteil: Es  handelt sich dabei viel mehr um ein weiteres Strukturmerkmal unserer Gesellschaft – so wie der Genozid gegen die Urbevölkerung, der Menschenhandel mit Schwarzen und die massive Sklaverei, die unsere Kolonialzeit prägten. Weder nach der  Unabhängigkeitserklärung Brasiliens, noch nach dem Advent der Republik oder nach der (angeblichen) Abschaffung der Sklaverei wurde dieses Strukturmerkmal wirklich überwunden. Ungeachtet des gefeierten Übergangs zur Demokratie am Ende des 20. Jahrhunderts tritt dieses Strukturmerkmal auch in der jüngsten Geschichte immer wieder brutal hervor.

Der Staat agiert als bestrafende Instanz – in vergangenen und in gegenwärtigen Maßnahmen verweigern die herrschenden Militär- und Zivileliten das Recht auf Gedächtnispflege und auf Aufklärung. Sie verbrennen die sterblichen Überreste der Opfer und löschen dabei – manchmal buchstäblich – deren gesamte Geschichte aus.

Es besteht ein gewaltiger Unterdrückungsapparat, dessen polizeiliche und paramilitärische Akteure ungestraft davonkommen. Sie sind Hauptakteure einer unermesslichen und kontinuierlichen illegalen Gewalt, die sich gegen viele  Bürger richtet, die als Feinde betrachtet und auch so behandelt werden. Die Machthaber bestimmen willkürlich, dass diese Bürger als Klassen- und Rassenfeinde gelten.

Nicht ohne Grund bezeichneten unsere Mitstreiter vom Netz der Gemeinden und der Anti-Gewalt-Bewegungen aus Rio de Janeiro die von den Herrschenden sogenannte „demokratische Phase“, in der wir uns angeblich befinden, als die „Ära der Massaker“. Gemeint ist jene „demokratische Phase“, die und die nach dem Erlass der brasilianischen Verfassung seit 1988 besteht. Auch wir finden die passendere Bezeichnung, die „Ära der Massaker“ legitim, um die gegenwärtige Phase dieser langen Geschichte von Massaker zu bezeichnen, wie wir mehrmals beklagt haben. (Vgl. unser Buch “Mutter von Mai – von Trauer zum Kampf” – Nós por Nós, São Paulo, 2011).

Kurz nach Beginn der gefeierten „demokratischen Öffnung“, der zwei Jahre später der Erlass der „Zivilverfassung“ folgte, geschah das Massaker von Acari. Danach wurden eine ganze Reihe von Massakern und Gruppenmorden an armen, schwarzen Arbeiter verübt, die in der Vorstadt lebten – so folgten dem emblematischen Massaker von Acari (1990), die Massaker in den Orten Matupá (1991), Corumbiara (1995), Eldorado dos Carajás (1996), São Gonçalo (1997), Alhandra und Maracanã (1998), Cavalaria und Vila Prudente (1999), Jacareí (2000), Caraguatatuba (2001), Jardim Presidente Dutra und Urso Branco (2002), Amarelinho, Via Show und Borel (2003), Caju, Praça da Sé und Felisburgo (2004), Baixada Fluminense (2005), gefolgt durch die Verbrechen vom Mai (2006), das Massaker in den Orten Complexo do Alemão (2007), Morro da Providência (2008), Canabrava (2009), Vitória da Conquista und die Verbrechen von Abril in der Region Baixada Santista (2010), sowie das Massaker in der Stadt Praia Grande (2011).

Fußnoten

[1] Diesen Artikel wurde gemeinsam verfasst durch Mitglieder der Verein Mutter von Mai unterstützt durch Kollegen der Verein Globale Gerechtigkeit und von der Internationale Klinik für Menschenrechte der Universität von Harvard, bei der wir uns bedanken.

LITERATUR ZUM THEMA
Daten über Morde in Brasilien (auf Portugiesisch)

• “Estudo Global sobre Homicídios – 2011”, Departamento de Drogas e Crimes da ONU (UNODC)

• Waiselfisz, Prof. Julio Jacobo: “Mapa da Violência 2011”, com base numa pesquisa em todo território brasileiro publicado no dia 25 de fevereiro de 2011 (Hrsg. von Ministério da Justiça) 

• “Kapitel Brasil – jährliche Bericht der Human Rights Watch 2010 unter besonder berücksichtigung des kronischen Problems der Öffentliche Sicherheit und des polizeilichen Verhalten in Brasilien”, veröffentlicht Januar  2011

Daten über die polizeiliche Gewalt und über die Gewalt im Gefängnis in São Paulo

• “15 Anos da Ouvidoria da Polícia (1995-2010)”, Ouvidoria da Polícia do Estado de São Paulo, Imprensa Oficial, 2011

• Estatísticas Nacionais do Departamento Penitenciário Nacional (DEPEN) do Ministério da Justiça e seu Banco de Dados INFOPEN – com informações atualizadas até final de 2010

• “Favela atrás das grades – São Paulo e suas redes penitenciárias”, artigo de Rafael Godói publicado no final de 2010 no sítio Desinformemo-nos http://desinformemonos.org/2010/10/a-favela-atras-das-grades/

Über die Verbrechen von Mai 2006 und verwandte Themen de 2006 
• “Mães de Maio – do Luto à Luta” – Nós por Nós, São Paulo, 2011

• “Barbárie e Direitos Humanos: as Execuções Sumárias e Desaparecimentos Forçados de Maio de 2006 em São Paulo”, dissertação de mestrado defendida em Out/2011 na PUC-SP por Francilene Gomes Fernandes, irmã de Paulo Alexandre Gomes, um dos desaparecidos de Maio de 2006

• São Paulo sob achaque”, relatório publicado em Maio/2011 pela ONG Justiça Global und Internationale Klinik für Menschenrechte der Universität von Harvard 

• Crimes de Maio”, (Hrsg. Von Rose Nogueira, Präsident von GTNM-SP, CONDEPE-SP 2006)

• Análise dos impactos dos ataques do PCC em maio de 2006”, (ONG Conectas, São Paulo, em 2009)

• “Crimes de Maio de 2006: quem pagará por isso?”, Renato Santana, Zeitung A Tribuna da Baixada Santista, Maio de 2010 (http://www.slideshare.net/LuisNassif/crimes-de-maiohttp://www.torturanuncamais-sp.org/site/index.php/saiu-na-imprensa/219-crimes-de-maio-a-tribuna-)

•“Estado Autoritário e Violência Institucional”, Ângela Mendes de Almeida, 2007 (http://www.ovp-sp.org/debate_teorico/debate_amendes_almeida.pdf). Unsere Mitstreiterin  Ângela ist Leiterin von “Observatório de Violência Policiais de São Paulo“ (http://www.ovp-sp.org), wichtige Informationsquelle über die polizeiliche Gewalt im Bundesland São Paulo und über die Verbrechen von Mai.
•“Duas vezes pânico na cidade”, de Paulo Arantes (http://www.ovp-sp.org/artg_pauloarantes.pdf )
•“Estão escondendo os corpos porque é tudo execução”, Interview mit Ferréz (http://www.cartamaior.com.br/templates/materiaMostrar.cfm?materia_id=11191 )
•“Os ataques do PCC – Consequências contemporâneas da exclusão social no Brasil”, Felipe C. no CMI, 2006 (http://www.midiaindependente.org/pt/blue/2006/06/355812.shtml)
•“A matança dos suspeitos”, Maria Rita Kehl (http://www.cartamaior.com.br/templates/colunaMostrar.cfm?coluna_id=3199)
•“20 Anos do Caso Acari: Não ao Esquecimento, Sim à Justiça!”, da Rede de Comunidades e Movimentos Contra Violência do Rio de Janeiro, mit dem Diskussion über die “Ära der Massaker” (http://www.redecontraviolencia.org/Atividades/612.html)
•“Grupos de Extermínio matam com a certeza de impunidade”, Artikel von Tatiana Merlino (http://maesdemaio.blogspot.com/2010/07/reportagem-da-revista-caros-amigos.html)
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