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„Wer sich mit uns anlegt, frisst kugeln“

03/09/2012

Astrid Kusser

Seit 2010 wurden vier MCs und ein DJ in der Gegend von São Paulo ermordet. Ein anderer entkam im Juni knapp einem Mordversuch. Nicht nur die Musikszene ist erschüttert. Zwei Jahre vor der Fußballweltmeisterschaft und vier Jahre vor den Olympischen Spielen im Land wird Brasilien von einer neuen Welle der Gewalt erfasst. Astrid Kusser fuhr in die Umgebung São Paulos, um sich mit Aktivisten, Musikern und einem ehemaligen Polizisten zu treffen. Sie ging der Frage nach, warum gerade Baile-Funk-Musiker ins Visier der Täter geraten, die viele im Kreis der Polizei vermuten.

Es ist früh am Morgen in der Gegend um Santos. MC Neguinho de Caxeta fährt von einer Show nach Hause. Ein Auto überholt seinen Wagen, es fallen Schüsse. Neguinho wird vier Mal in Brust und Schulter getroffen, seine Beifahrerin springt aus dem fahrenden Wagen. Die Frau auf dem Rücksitz wirft sich auf den Boden und bleibt wie durch ein Wunder unverletzt. Neguinho schafft es, bis nach Hause zu fahren und wird wenig später ins Krankenhaus eingeliefert. Am selben Tag, es ist der 25. Juni 2012, steht in der Zeitung, dass alle drei überlebt haben.

Während MC Neguinho angeschossen wird, sitze ich im Bus auf dem Weg von São Paulo nach Santos. Ich will pünktlich zur Gerichtsverhandlung kommen. An diesem Morgen soll die Verhandlung gegen einen Polizisten beginnen, der unter anderem für den Mord an MC Duda do Marapé im vergangenen Jahr verantwortlich sein soll.

Die Mordserie an Musikern aus der Baile Funk Szene in der Gegend um Santos beginnt im April 2010 mit MC Felipe Boladão und DJ Felipe Silva. Bis heute gibt es offiziell keine Hinweise auf die Täter. Beim Mord an MC Duda do Marapé im April 2011 finden sich zumindest leere Patronenhülsen, Kaliber .40. Dasselbe Kaliber benutzt auch die Polizei. Dieses Jahr geht es wieder im April los – MC Primo und MC Careca werden im Abstand von wenigen Wochen ermordet, der eine auf der Straße, der andere in seinem Frisörsalon. Drei Polizisten werden verhaftet und kommen nach drei Monaten in Untersuchungshaft wieder frei. Doch schon 2010 berichtete die Lokalzeitung „La Tribuna“, dass kriminelle Polizisten Schusswaffen manipulieren, um die Ergebnisse ballistischer Untersuchungen zu verfälschen. Zwei Polizisten erklärten damals anonym im Interview, dass sie Mitglieder von Todesschwadronen in Santos waren. Sie töteten nicht nur. Sie verwischten Spuren und deckten Kollegen.

In Santos angekommen gehe ich direkt vom Busbahnhof zum Gericht, um dort Debora da Silva Maria zu treffen. Sie ist Mitbegründerin der Gruppe Mães de Maio, die sich vor kurzem auf einer Demonstration solidarisch mit den ermordeten MCs gezeigt hat. Debora ist überzeugt, dass korrupte Polizisten dahinter stecken – genau wie hinter dem Mord an ihrem Sohn im Mai 2006. Ob nicht auch andere Täter in Frage kommen? Sie ist sich sicher: “Das Muster passt nicht zu den Drogenbanden. Diese Mörder wollen eine andere Botschaft vermitteln.”

Doch welche Botschaft und warum sollten ausgerechnet MCs ins Visier der Todeschwadronen geraten? Ich habe diese Fragen in den letzten Monaten vielen Leuten in Santos und São Paulo gestellt. Viele haben mich auf die Texte der MCs verwiesen. Tatsächlich haben alle, die in den letzten drei Jahren ermordet wurden, ein Genre bedient, das “Proibidão” heißt, großes Verbot. Die Funkeiros beschreiben in diesen Songs eine Welt, in der Drogenhandel, Raub und Mord genau so alltäglich sind wie korrupte Polizisten. Und sie singen im Namen des Verbrechens, nicht im Namen von Recht und Ordnung, als gäbe es nur die eine oder die andere Option.

Wer Literatur studiert, lernt im ersten Semester, dass Autor nicht gleich Erzähler ist. Auch im Alltag ist fast jedem klar, dass ein Schauspieler im Theater, im Kino, im Fernsehen eine Figur verkörpert. In São Paulo und Rio forschen Wissenschaftler über Baile Funk und betonen den polemischen Charakter dieser Populärkultur. Aber die Polizei scheint die Texte wortwörtlich zu nehmen. Funkeiros könnten wenig Sympathie von der Polizei erwarten, meint ein Polizeisprecher in einem Fernsehbericht über den Mord an MC Primo und MC Careca im April. Und der Berichterstatter legt nach: “Die Texte erzeugen eine Konfliktzone zwischen den Funkeiros und der Polizei.”

Zweifellos bieten die MCs Angriffsfläche. In vielen Songs sind Verbrecher cool und Polizisten nichts als “Würmer”. In MC Primos Song “Wer sich mit uns anlegt, frisst Kugeln” sind tote Polizisten Trophäen des Primeiro Comando da Capital. Und immer wieder singen sie in der ersten Person, als seien sie selbst die Teil dieser kriminellen Organisation. Tatsächlich gibt es im brasilianischen Strafgesetz einen Paragrafen, der auch den Aufruf zur Gewalt gegen den Staat unter Strafe steht. Aber bislang wurde noch keiner der MCs angeklagt. Stattdessen gibt es fünf Tote und unzählige Verletzte.

Kann es sein, dass Baile Funk wegen solcher Songs den Hass der Polizei auf sich zieht? Schwer zu glauben, dass das ausreicht, um zur Zielscheibe zu werden.

Mein nächster Kontakt in Santos ist Tubarão do Lixo, ein Künstler und Streetworker, der in Santos lebt. Er führt mich durch Marapé, wo er aufgewachsen ist und heute wieder wohnt. Viele MCs haben diesem Viertel in ihrer Musik ein Denkmal gesetzt. MC Duda kam aus Marapé. In den 1990er Jahren wurden hier die ersten großen Baile Funk Partys organisiert.

Tubarão bringt mich zur alten Samba-Schule im Viertel, wo noch bis vor drei Jahren Baile Funk Parties stattfanden. Ein Artikel von 2007 aus der Folha, der größten Tageszeitung von São Paulo, mutet wie aus einer anderen Zeit an. Stolz feiern die MCs der Baixada ihren Erfolg, der sogar nach Rio de Janeiro ausstrahlt, der eigentlichen Hauptstadt des Baile Funk. Die wilden Jahre, so scheint es, sind vorbei. Nun sind Termine im nationalen Fernsehen angesagt, die ersten MCs können von ihren Auftritten leben. Aber dann geschehen die ersten Morde. Heute bleibt die alte Samba Schule bis auf die Karnevals-Saison leer.

Marapé war früher ein typisches Arbeiterviertel mit Einfamilienhäusern. Heute rücken die Hochhäuser mit 25 bis 30 Stockwerken immer näher. Es sieht wie eine Invasion aus. Doch nicht alle wollen ihr Haus verkaufen, um den Neubauten Platz zu machen oder selbst in eine solche Wohnung zu ziehen. Hat die Gewalt auf der Straße, die mangelnde Unterstützung für Jugendkultur, haben vielleicht sogar die Todesschwadrone der Polizei System? Je niedriger die Lebensqualität in einem Viertel ist, umso eher sind die Leute bereit, woanders hinzuziehen.

Ich fahre ins alte Zentrum von Santos. Gemütlich biegt die Straßenbahn um die Ecke, Baujahr 1910, aus Portugal importiert. 1971 gab die Stadt das Straßebahnsystem auf. Heute fährt die Bahn einmal die Stunde für Touristen. Schöne alte Häuser, aber die meisten halb verfallen. Als die Reichen in den 1980er Jahren das Zentrum verließen, zogen die meisten Geschäfte mit. Jetzt will die Stadt die Gegend wiederbeleben, für Touristen und Geschäftsleute. Aber was ist mit der eigenen Bevölkerung?

Im Zentrum treffe ich Weskley Faustino, der hier vor zwei Jahren ein Festival veranstaltet hat, bei dem auch Baile Funk MCs auftraten. Weskley ist 24 und Teil der “Associação dos Cortiços do Centro”, der Vereinigung der Slums im Zentrum. Die Gruppe organisiert die Armen, die trotz Verfall all die Jahre hier gelebt haben. Wenn heute das Zentrum von Santos wiederbelebt werden soll, wollen sie sich nicht einfach vertreiben lassen. Früher ging Weskley oft auf die Partys, doch heute hat er keine Lust mehr. “Zu gefährlich.” Er tritt jetzt professionell als Tänzer in Clubs auf und unterrichtet Hip Hop, Samba, Vogueing. Aber was ist mit dem Rhythmus des Baile Funks, der gerade um die Welt geht? Weskley ist gar nicht klar, wie populär die Musik außerhalb Brasiliens geworden ist.

Santos ist der größte Hafen Lateinamerikas und São Paulo ist das industrielle Zentrum Brasiliens. Vor kurzem entdeckte die staatliche Ölfirma Petrobras zudem Erdöl vor der Küste, verborgen unter 5 km Wasser und 2 km Salz. Wenn sie diese Kruste knackt und das Öl sicher nach oben transportiert, haben sich die Ölvorkommen Brasiliens fast verdoppelt. Santos boomt, aber die Stadt kann sich nicht einfach ausbreiten. Auf der einen Seite liegt das Meer, auf der anderen Seite die Serra do Mar, tausend Meter hohe Berge.

So wächst die Stadt am schmalen Küstenstreifen entlang, in einer Region, die Baixada Santista genannt wird. Traditionell liegen hier Industriestandorte und Badestrände nah beieinander. Schärfere Umweltauflagen haben Raffinerien und Chemiefabriken nun etwas erträglicher gemacht. Alles zusammen hat einen wahren Immobilienboom ausgelöst. Überall werden neue Wohnungen gebaut, nicht nur für die rund 1,6 Millionen Einwohner der Baixada, sondern auch für die 20 Millionen Einwohner der Metropolregion São Paulo, die nur 100 km entfernt ist.

In der Presse heißt es oft, die mysteriösen Morde in der Baixada Santista finden in der Periferie statt. Aber vor Ort wird klar, dass diese Gegenden eigentlich recht zentral liegen. Spitzenimmobilien. “Periferie ist oft ein Codewort für Prekarität,” bestätigt der Historiker Danilo Dara. “Gemeint sind damit oft Viertel, aus denen die Armen vertrieben werden sollen, um Platz zu machen für Neubauten. Dementsprechend vernachlässigt die Stadt die Gegenden und investiert nicht.”

Danilo lebt in São Paulo, hat aber die letzten Jahre in Santos für das Instituto Polis gearbeitet. Die Einrichtung wird unter anderem von der Petrobras finanziert, um die sozialen Auswirkungen des Booms auf die Stadt wissenschaftlich zu begleiten. Offiziell geht es darum, diesen Prozess demokratisch zu gestalten und sozial abzufedern. Gruppen und Initiativen, die stören könnten, werden einbezogen, aber die Regeln bestimmen weiter die Konzerne. “Mir kommt es mittlerweile eher wie Theater vor, Demokratietheater, Partizipationstheater. Effektiv sind soziale Bewegungen nur, wenn sie autonom bleiben.”

Danilo ist deshalb Unterstützer der Mães die Maio und es vergeht kein Tag, an dem er nicht mit Debora telefoniert. Die Mães haben sich zusammengefunden, nachdem im Mai 2006 ihre Söhne ermordet wurden, wie sich später herausstellte starben damals in wenigen Tagen Hunderte junger Männer auf den Straßen von São Paulo und der Baixada. Wenige Tage zuvor war in den Gefängnissen São Paulos eine Revolte ausgebrochen, koordiniert vom PCC.

Der PCC gründete sich Anfang der 1990er Jahre, als Brasilien in einer ökonomischen Krise steckte. Die Gefängnisse waren überfüllt, der Staat überließ die Gefangenen zunehmend sich selbst. Das Ergebnis war katastrophal. Es kam zu Aufständen, die von der Militärpolizei mit hunderten von Toten niedergeschlagen wurden. In dieser Situation schlossen sich Gefangene unter dem Slogan Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden zum PCC zusammen und erschufen eine Art Staat im Staat. Der PCC rekrutiert seine Mitglieder in Gefängnissen und Armenvierteln und verteilt auch mal Esspakete an Familien in Not. Er schafft Verpflichtungen. Wer sie nicht erfüllt, wird schnell mit dem Tod bestraft.

Im Mai 2006 organisierte der PCC den bislang größten oder blutigsten Angriff auf São Paulo. Weil korrupte Polizisten die Anführer erpressten und der Staat sie sowieso in ein neues Hochsicherheitsgefängnis verlegen wollte, nahm sie in den Gefängnissen Geiseln und griff draußen Polizeistationen an. Nach drei Tagen machte die Stadt dicht. Die Regierung rief eine nächtliche Ausgangssperre aus. Die meisten Leute verharrten geschockt vor dem Fernseher. Erst viel später erfuhren sie, dass sich die Medien in diesen Tagen viele wilde Geschichten ausdachten, die nie passiert sind und anderes systematisch verschwiegen. Offiziell kamen in diesen Tagen knapp 200 Menschen ums Leben. Menschenrechtsorganisationen zufolge waren es aber fast 500. Die Bevölkerung glaubte lange, dass die Morde auf das Konto des PCC gingen. Erst nach und nach, als die Polizei allzu schnell die Akten schließen wollte, wurde klar, dass manche Politiker und Polizisten dazu übergegangen waren, eine Art Gegenterror zu entwickeln. Die Opfer waren jung, arm und meist nicht weiß. Sie lebten in den Periferien, manche hatten Vorstrafen oder waren selbst schon mal im Gefängnis gesessen. Doch die meisten waren einfach Schüler und Arbeiter. In der Regel waren es Männer, doch wenn sie Freundinnen an ihrer Seite hatten, wurden die gleich mit umgelegt. Neben São Paulo war die Gegend um Santos damals besonders von diesen Morden betroffen.

Es gibt in Brasilien zwei verschiedene Arten von Polizei – Zivil- und Militärpolizei. Erstere ist für die Aufklärung von Verbrechen zuständig, wie bei uns die Kriminalpolizei. Sie geht investigativ vor und tritt in Zivil auf. Auf der Straße trifft man die Militärpolizei an. Die Soldaten tragen Uniform und sind bewaffnet, nicht nur mit Pistolen, sondern oft auch mit Maschinengewehren. Wenn es bei einem Baile Funk zu Stress kommt, wenn eine Schlägerei ausbricht oder Nachbarn sich wegen Ruhestörung beschweren, kommt immer die Militärpolizei.

Ich verabrede mich in São Paulo mit João Pereira* (Name von der Redaktion geändert), einem ehemaligen Militärpolizisten. “Unsere Ausbildung war militärisch,” erinnert er sich. “Wir lernten schießen, uns abzuhärten, Corpsgeist zu entwickeln. Das war eigentlich alles.” Kommunikation mit den Bürgern? Deeskalation? Fehlanzeige. Heute ist João Immobilienmakler in Praia Grande, in der Nähe von Santos und lebt in São Paulo, im vierzehnten Stock eines Hochhauses mit doppelt gesicherter Eingangsschleuse. Die zweite Tür geht erst auf, wenn die erste zu ist. Man steht wie in einem Käfig zwischen Gittern und wartet, dass der Wachmann den Knopf drückt. João plant und verkauft heute Häuser an Leute, die ihr Eigenheim mit staatlich subventionierten Krediten bezahlen. “Ich bin froh, dass meine Arbeit heute etwas Positives bewirkt,” sagt er mir gleich zum Anfang unseres Gesprächs. Es fällt ihm nicht leicht, über die Zeit bei der Polizei zu sprechen. “Ich hatte es nicht in mir, Polizist zu sein. Manchen gibt der Adrenalinschub etwas. Aber ich hatte Angst, verrückt zu werden.” Sein Entschluss, Polizist zu werden, fällt in die Zeit der Krise Anfang der 1990er Jahre. “Es gab einfach keine Jobs. Ich war 25, seit ich 14 Jahre alt war, hatte ich schon gearbeitet. Und dann – nichts mehr.” Nach ein paar Monaten Bootcamp in einem Bataillon wird er in den Dienst geschickt. Schon nach wenigen Wochen töten Kollegen einen Verdächtigen. “Es war regelrecht eine Hinrichtung.” Zwei Männer hatten ein Restaurant überfallen, in dem auch ein Mitglied der Militärpolizei saß. Weil sie den Kollegen bedroht hatten, wollten die Kollegen ein Exempel statuieren. “Ich war nicht dabei, als sie einen der beiden erschossen haben. Ich kam erst später dazu.” Der Fall wird wie üblich unter der Rubrik Notwehr abgelegt.

João entscheidet sich erst ein paar Jahre später, die Polizei zu verlassen. Als bei einer Verfolgungsjagd ein Polizist erschossen wird, spürt er plötzlich eine irrsinnige Wut und merkt, wie er Gefahr läuft, selbst zum Mörder zu werden. João besucht seit Jahren ein spirituelles Zentrum, er glaubt an Wiedergeburt und nimmt Kontakt zu Verstorbenen auf. Er vermittelt den Eindruck, mit sich im Reinen zu sein, seinen Platz in der Gesellschaft gefunden zu haben. Aber seine Erlebnisse in der Polizei sind von seinem neuen, guten Leben abgespalten. Er fragt mich, warum ich ausgerechnet so hässliche Dinge im brasilianischen Alltag recherchieren muss, warum ich nicht über etwas Positives schreibe. Er kann gar nicht sehen, dass der Widerstand gegen diese Vernichtungspolitik mit zum Positivsten gehört, was ich seit meiner Ankunft hier gesehen habe. Am Ende sagt er: “Wir müssten viel mehr weinen … Die Toten beweinen.”

Vielleicht haben die Mães de Maio heute eine solche Aufgabe. Sie werden in diesen Wochen viel befragt, gehört, eingeladen. Sie bekommen Preise verliehen und gewinnen Schritt für Schritt Land, nicht nur moralisch, sondern auch juristisch. Als im Juni das Grab von Deboras Sohn geöffnet wird und unzählige Kameras auf sie gerichtet sind, weint sie in den Armen ihrer Freundinnen. Sie setzte durch, dass nach sechs Jahren endlich nach der Kugel gesucht wird, die noch im Körper ihres Sohnes steckte, als die Polizei damals die Leiche freigab. Genau so lang kämpft sie auch dafür, dass der Fall neu aufgerollt wird. Während unseres Treffens in Santos ruft die Gerichtsmedizin bei Debora an. Die Kugel ist gefunden! Sie weint, diesmal vor Erleichterung.

Während ich mit Debora unterwegs bin, versucht sie, Kontakt zu den Angehörigen ermordeter MCs aufzunehmen. Sie will sie für die Bewegung der Mães gewinnen. Doch nachdem der Vater des ermordeten MC Felipe Boladão vor kurzem bedroht wurde und nun versteckt unter Polizeischutz lebt, will keiner mit uns reden. Überhaupt sind alle in einer Art Schockstarre wegen dem gerade erst verübten Anschlag auf MC Neguinho. Erst eine Woche später wird Neguinho ein Fernsehinterview geben. Er sieht dünn und blass aus, der Schock steht ihm ins Gesicht geschrieben. “Ich habe keine Ahnung, wer mich töten wollte. Ich habe keine Feinde!”, wiederholt er immer wieder.

Wer die MCs in der Baixada auf dem Gewissen hat, wird nur eine polizeiliche Untersuchung und ein ordentliches Gerichtsverfahren feststelen können. Doch gerade in die Polizei haben die Leute hier wenig Vertrauen. In einem normalen Monat tötet die Polizei zwischen 20 und 30 Menschen, allein in São Paulo. Die Begründung ist meist Notwehr. Im Mai schnellte die Zahl sogar plötzlich auf 50. Im Juni sterben dann ungewöhnlich viele Militärpolizisten, während sie gerade ihren nicht immer legalen Nebentätigkeiten außerhalb des Dienstes nachgehen. Befindet sich São Paulo wieder in einer Dynamik von Terror und Gegenterror wie schon im Mai 2006? Jede Nacht brennen Nahverkehrsbusse, Linien werden eingestellt, die Leute stehen hilflos auf der Straße.

Keine guten Nachrichten für ein Land, das in zwei Jahren die Fußballweltmeisterschaft und in vier Jahren die Olympiade ausrichten wird. Aber immerhin steht São Paulo jetzt im Scheinwerferlicht der Medien und auch die Bundesbehörden melden sich zu Wort. Im August verlangt die Bundesstaatsanwaltschaft, dass die Führungsriege der Polizei in São Paulo ausgetauscht werden müsse. Sie habe offensichtlich die Kontrolle verloren.

“Gerade letzte Woche”, erzählt Vinícius aus São Paulo, “hat die Polizei bei einem Baile Funk plötzlich angefangen, zu schießen.” Wie das? “Keine Ahnung, plötzlich war die Straße abgesperrt und sie haben geschossen. Du musst einfach rennen oder Dich in einem Haus verstecken.” Vinícius ist 15 und Mitglied der Facebook-Gruppe “Funk Pede Paz”, Funk fordert Frieden. Zum ersten Mal haben sie sich über das Internet zur Beerdigung von MC Careca in Santos verabredet: “Wir haben einfach aus einem Partynetzwerk etwas Neues gemacht.” Die Kids wollen gegen die Kriminalisierung von Baile Funk vorgehen. Sie produzierten gerade ein Video, in dem sie ihre Gesichter zeigen, die Toten betrauern und klarmachen, dass es so nicht weitergehen kann. Andere veröffentlichen einen Song mit diesem Titel, Funk Pede Paz. Jetzt wollen sie Kontakt mit Bürgermeistern und Stadtverwaltungen aufnehmen und noch mehr Demos organisieren, die sie Spaziergänge nennen.

Vinícius lebt in der Zona Leste, der Ostzone. Zone steht in São Paulo für Stadtrand, es bedeutet das Gegenteil von Zentrum. Vinícius will mich dort treffen, ich muss raus fahren, eineinhalb Stunden mit dem Vorstadtzug dauert es bis Itaim Paulista. Früh morgens ist der Zug fast leer – alle fahren in die andere Richtung, zum Arbeiten. Vinícius geht noch zur Schule und gerade sind Ferien. Er hat also Zeit. Die Strecke ist alt, der Wagen rattert ohrenbetäubend. Es dauert fast eine halbe Stunde, bis der Zug zum ersten Mal hält. Ich beginne die Dimensionen dieser Stadt zu begreifen. Draußen reihen sich endlos improvisierte Viertel aneinander. Schuhschachteln von Häusern. Erst wird ein Stockwerk gebaut, wenn wieder Geld da ist, vielleicht ein zweites. Nur in Ausnahmefällen werden die Häuser gestrichen. Wer sich das leisten kann, wählt bunte Farben. Wie so oft hängt Nebel über der Stadt, es ist kalt. Ich komme endlich an, aber Vinícius ist nicht da. Ich rufe ihn an, er sitzt noch im Bus. Das Haus seiner Eltern liegt nochmal eine dreiviertel Stunde von dieser Bahnstation entfernt. Als Vinícius endlich ankommt, verfliegt mein Ärger. Er sieht noch jünger aus als fünfzehn. Seine Hoody ist eng am Kopf festgezurrt. Sein schmales Gesicht sieht unglaublich verletzlich aus.

Es ist nicht immer leicht Vinícius zu folgen. Mal spricht er davon, dass ständig Baile Funks stattfinden, fast jeden Abend. Dann sagt er, dass die Gewalt die Szene kaputtmacht und es fast keine Partys mehr gibt. Seit drei Monaten sei schon nicht mehr los, seit im April wieder MCs in der Baixada Santista umgebracht wurden. Irgendwann kapiere ich – die Kids nennen alles mögliche Baile Funk, auch die Straßenpartys, die klein anfangen und schnell auf über tausend Leute anschwellen. Sound kommt oft aus aufgepimpten Autos mit riesigen Bassboxen. Drinks werden mitgebracht. Es läuft nicht nur Baile Funk, sondern auch Hip Hop und Pagode. Aber dann gibt es noch die großen Parties, mit Live Acts, Türsteher, usw. Und die gibt es zur Zeit kaum.

Vinícius Antworten sind kurz und präzise. Sicher, das ist die Pose eines Fünfzehnjährigen, der auf jeden Fall cool rüber kommen will. Aber es sind auch die Umstände. Er beobachtet mich genau und lacht nicht einmal. Am Ende unsere Gesprächs frage ich ihn, ob er einen Traum hat. Kurz leuchten seine Augen auf und über sein Gesicht huscht ein Lächeln. Er sagt ohne zu zögern: “Eine riesige Baile-Funk Party, so groß, dass ganz São Paulo stillsteht.” Er benutzt das gleiche Wort, das immer in der Presse zu lesen war, wenn es um den Mai 2006 ging und die Stadt vom korrupten Gefängnissystem zum Stillstand gebracht wurde. Keine Ahnung, ob ihm das bewusst ist. Aber der Wunsch ist eindeutig –die ganze Stadt soll sich zum Batidão, zum fetten Beat vereinen.

(1) Baile Funk ist eine Mischung aus Rap, Hip Hop und elektronischen Beats, die aggressiv und hektisch, aber auch extrem groovy sind. Die Partykultur entwickelte sich in den Favelas von Rio de Janeiro seit Ende der 1980er Jahre und strahlte schon nach wenigen Jahren ins hunderte Kilometer entfernte Santos aus. Musik, Texte und Tänze sind im Baile Funk direkt und konfrontativ, aber nicht so streng wie der Rap aus der benachbarten Metropole São Paulo.

(2) Der PCC ist eine kriminelle Organisation, die sich über Banküberfälle, Drogenhandel und Abgaben ihrer Mitglieder finanziert. Die Führungsriege sitzt angeblich im Gefängnis und koordiniert von dort aus die Geschäfte.

(3)2011 veröffentlicht die Menschenrechtsabteilung der Harvard Law School zusammen mit der NGO Justiça Global die Studie “São Paulo sob Ataque”. Sie zeigt, dass die Stadt nicht attackiert, sondern erpresst wurde, von Kriminellen innerhalb und außerhalb des Staatsapparats.”

Quelle: http://www.intro.de/magazin/musik/23068754?current_page=2

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