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Der Autor und seine kleine Rache

02/05/2012

Volker Braun liest in der Romanfabrik Frankfurt und legt dabei Wert darauf, nicht historische Vorgänge darzustellen, sondern die Krise der Gegenwart.

Hier sei er genau richtig, sagt Volker Braun. Romanfabrik, das sei ein guter Ort. Noch dazu ist er passend für eine Lesung aus Brauns Erzählung „Die hellen Haufen“. Unlängst, bei einer Veranstaltung in der SPD-Zentrale, so Braun weiter, habe er bevorzugt Passagen vorgetragen, in denen Politiker vorkommen, „aber hier sind wir in der Fabrik, da sind wir unter uns“.

Volker Braun, 1939 in Dresden geboren, ist nach Christoph Hein der zweite bedeutende Schriftsteller aus dem Gebiet der ehemaligen DDR, der in diesem Jahr in der Frankfurter Romanfabrik zu Gast war. Doch anders als der eher zurückhaltende Hein sprach Braun forcierter und polemischer. Das liegt auch am Stoff seiner Erzählung. Zugrunde liegt dem Buch die reale Geschichte der Schließung eines Kali-Bergwerkes in Thüringen nach dessen Verkauf durch die Treuhand. Die Arbeiter treten in einen Hungerstreik und machen sich dann auf zu einem Marsch in Richtung Berlin, der sich im Buch, anders als in der Realität, zu einer Protestaktion von 100.000 Menschen auswächst.

Braun schafft historische Analogien, indem er den Arbeiteraufstand des Jahres 1993 mit dem Bauernkrieg des 16. Jahrhunderts eng verschränkt. Es geht um Volkseigentum und Privatisierung, um Arbeitsverteilung und Volkswillen. Um Menschen, die selbst zu Abraum geworden sind. Und wie 1525 wird auch in der Jetztzeit eine zwölf Punkte umfassende Liste mit Forderungen aufgesetzt. „Nicht den Gewinn maximieren, sondern den Sinn“, heißt es da, oder auch: „Der Tod ist umsonst. Der hinterbliebene Staat zahlt.“

Er sei, so Braun im anschließenden Gespräch, nach wie vor verwundert darüber, dass eine derart brachiale gesellschaftliche und soziale Veränderung so wenig Widerstand hervorgerufen habe. Die Einigung sei nichts als eine „große kaufmännische Handlung“ gewesen. Eine alte, gewachsene Arbeiterlandschaft sei durch die Machenschaften der Treuhand und westlicher Konzerne in einen Landstrich verwandelt worden, in dem die Menschen ohne Tätigkeit dastünden.

Braun geht es nicht um die Darstellung historischer Vorgänge, sondern um die Krise der Gegenwart. In den frühen neunziger Jahren seien bestimmte kriminelle Instinkte und Reflexe trainiert worden, die heute zur Perfektion gelangt seien. Damit hat er höchstwahrscheinlich recht. Ein Nebeneffekt seines Buches sei eine kleine Rache: „Du darfst denen das nicht durchgehen lassen.“ Da stellt sich allerdings dann schon die Frage, ob diedas überhaupt noch interessiert.

Frankfurter Rundschau. In: http://www.fr-online.de/literatur/lesung-der-autor-und-seine-kleine-rache,1472266,14954950.html

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