Skip to content

50 Jahre nach dem Eichmann-Prozess – ein Zeichen der Stärke gegen den Holocaust

27/01/2012

Vor 50 Jahren wurde Adolf Eichmann in Jerusalem im vielleicht spektakulärsten Verfahren der Nachkriegszeit der Prozess gemacht. Er endete am 15. Dezember 1961 mit der Verhängung der Todesstrafe. Am 31. Mai 1962 wurde der Cheflogistiker des Holocaust hingerichtet.

Am 11. April 1961 begann in Jerusalem der Prozess gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, einen der Organisatoren des NS-Massenmordes an den europäischen Juden. Als Leiter des „Judenreferats IV B 4“ im Reichssicherheitshauptamt war Eichmann verantwortlich für die Logistik der „Endlösung“: Er stellte die Züge zusammen, in denen die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltpolitik zu den Konzentrationslagern befördert wurden. Ein Schreibtischtäter, ein Bürokrat der Vernichtung, gewiss nicht der Motor der NS-Todesmaschinerie, gleichwohl, wie so viele andere auch, ein Unverzichtbarer: Ohne die massenhafte Mitarbeit von Menschen wie Eichmann hätte der Genozid nicht stattfinden können.

Zeichen setzen

Die israelische Regierung wollte diesen Prozess. Sie ließ Eichmann, der sich in Buenos Aires unter dem Pseudonym Riccardo Klement eine neue Existenz aufgebaut hatte, durch eine Spezialeinheit des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad am 11. Mai 1960 entführen und elf Tage später mit einem Flugzeug der EL Al nach Israel bringen. Ein Exempel der Entschlossenheit und der Wehrhaftigkeit sollte statuiert werden: Nie wieder, so die Botschaft, würden sich Juden wie Lämmer zur Schlachtbank treiben lassen. Israel wollte sich weithin sichtbar als letzte Zuflucht für Juden aus aller Welt präsentieren – und als Staat, der bereit ist, für den Schutz seiner Bürger, falls nötig, auch das Völkerrecht zu brechen.

Dem damaligen Ministerpräsidenten Ben Gurion kam es nicht auf die Strafe, sondern darauf an, „dass der Prozess stattfindet, und zwar hier in Jerusalem“: um ein Zeichen der Stärke zu setzen, um die Weltöffentlichkeit an ihre Pflicht zu erinnern, den einzigen jüdischen Staat der Welt zu unterstützen, und auch um der eigenen Bevölkerung die Augen über den Holocaust zu öffnen. Tatsächlich war bis zu diesem Ereignis der Völkermord an den Juden in Israel weitgehend tabuisiert. Die Mehrheit der Israelis hatte, nicht zuletzt aufgrund einer gezielten zionistischen Erziehungspolitik, bis zum Beginn der Verhandlung keine Ahnung von dem, was in den NS-Vernichtungslagern passiert war. Schlimmer noch: Den überlebenden Opfern der Nazis schlug teilweise sogar Verachtung entgegen: „Warum habt ihr euch nicht gewehrt?“

 

Ein anderes Land

Das alles änderte sich mit dem Prozess, der eine Art Wendepunkt in der Geschichte des 1948 gegründeten Staates markiert. Zum ersten Mal traten vor Gericht Menschen auf, die von ihren Erfahrungen während der Zeit der Verfolgung und der Lagerhaft erzählten. Das Grauen bekam ein Gesicht und eine Sprache. Millionen von Israelis verfolgten an den Radios oder vor den Fernsehern die Verhandlungen und wurden auf diese Weise zu Zeugen der Zeugen.

Acht lange Monate waren Eichmann und der Holocaust das beherrschende Thema und als Eichmann schließlich in allen Anklagepunkten für schuldig befunden und zum Tode verurteilt wurde, hatte das Land sich verändert. Heute ist der Eichmann-Prozess jedem israelischen Abiturienten ein Begriff.

 

Angst und Aufklärung

Die deutsche Regierung wollte den Prozess nicht. Zu groß war ihre Angst davor, dass Eichmann „Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens“ belasten könnte, darunter wichtige Regierungsmitglieder wie Hans Globke, unter Konrad Adenauer (CDU) Staatssekretär im Innenministerium und Chef des Bundeskanzleramts, in der Zeit des Nationalsozialismus Kommentator der Nürnberger Rassegesetze. Geheimdienstakten, darunter auch deutsche, die erst 2010 freigegeben wurden, zeigen, dass die deutsche Regierung nicht nur kein Interesse an Eichmanns Ergreifung hatte, sondern diese Ergreifung aktiv behinderte und auch auf das Prozessgeschehen selbst Einfluss zu nehmen versuchte.

Der Prozess fand dennoch statt und löste ein gewaltiges Medienecho aus. Zahllose Journalisten aus aller Welt, darunter auch viele deutsche, berichteten über ihn; Millionen von Menschen wurden dadurch die Augen geöffnet über das Ausmaß des Holocaust – und über die Vielzahl deutscher Mittäter. Nicht nur in Israel, auch in anderen Ländern begann in der Folgezeit, gleichzeitig mit der Verfolgung der Täter, die systematische Erforschung des von den Nazis an den Juden verübten Genozids. In Westdeutschland wuchs das Interesse an Aufklärung ebenfalls, die Zahl der Anklagen stieg deutlich an.

 

Banalität des Bösen

 

Einen veritablen Skandal löste 1963 Hannah Arendts – zwei Jahre später ins Deutsche übersetzte – Buch Eichmann in Jerusalem aus. Als Journalistin hatte sie dem Prozess beigewohnt, ihre Eindrücke und Beobachtungen fasste sie in die berühmte These von der „Banalität des Bösen“: Banal sei nicht etwa das Verbrechen, sondern der Verbrecher. Ein Massenmörder wie Eichmann müsse keineswegs ein monströses Ungeheuer, sondern könne zugleich ein ganz normaler Mensch sein: pflichtbewusster Beamter, liebender Gatte, besorgter Vater. Wahrhaft monströs seien die Gedankenlosigkeit und die gnadenlose Perfektion, mit der Eichmann, der selbst während der Verhandlungen auf „nicht schuldig“ plädierte und alle Verantwortung auf seine Vorgesetzten abschob, als kalter Bürokrat seinen Beitrag zur „Endlösung der Judenfrage“ leistete.

Arendt wurde für diese Charakterisierung und für ihre Kritik an der israelischen Verhandlungsführung heftig angegriffen. Heute wissen wir, dass sowohl der Prozess als auch Eichmanns Verteidigungsstrategie genau kalkulierten Inszenierungsstrategien folgten. Weder war Eichmann jenes kleine Rädchen, das die Verteidiger aus ihm zu machen versuchten, noch war er jene Bestie, die die Anklage in ihm gesehen hat. Arendt hat recht: Eichmann war ein gewöhnlicher Mensch. Ungeheuerlich, beispiellos ungeheuerlich waren seine Taten.

Bernd Mayerhofer
lehrt Politische Philosophie und Theorie an der Hochschule für Politik München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2011

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

No comments yet

Deixe uma resposta

Preencha os seus dados abaixo ou clique em um ícone para log in:

Logotipo do WordPress.com

Você está comentando utilizando sua conta WordPress.com. Sair / Alterar )

Imagem do Twitter

Você está comentando utilizando sua conta Twitter. Sair / Alterar )

Foto do Facebook

Você está comentando utilizando sua conta Facebook. Sair / Alterar )

Foto do Google+

Você está comentando utilizando sua conta Google+. Sair / Alterar )

Conectando a %s

%d blogueiros gostam disto: